Samstag, 7. Januar 2012


Im Wartesaal des Glücks

oder: das Füllhorn der Glücksgöttin Fortuna

Im Wartesaal des Glücks saß auf der vordersten Sitzreihe erwartungsvoll das kleine unglückliche Glück , ganz ungeduldig und dachte nach, ob es sich überhaupt noch lohne länger auszuharren. Man hatte es hierher bestellt, dabei konnte es sich keinen Reim darauf machen und überlegte was wohl der Grund dafür war. Das kleine unglückliche Glück saß schon eine geraume Zeit mutterseelenallein in dem riesigem Wartesaal. Gerade wollte es aufstehen um sich die Beine ein wenig zu vertreten, da wurde urplötzlich die große rote Tür des Saals ungestüm aufgestossen, und das mittlere bescheidene Glück betrat mit gesenktem Haupt die Eingangshalle . Es bemerkte das kleine unglückliche Glück erst nicht und nahm seufzend Platz in der hintersten Reihe.

"Darf ich mich vorstellen" flüsterte das kleine Unglücksbündel,.."ich bin das kleine Glück und wer bist du?" Etwas verdutzt blickte das mittlere Glück zu ihm auf: "Wen interessiert das schon?" Ich weiss gar nicht wieso ich eigentlich hierher bestellt worden bin". "Naja, entgegnete das kleine Glück, ich ebenfalls nicht."
"In dem Rundschreiben hiess es: Alle Vertreter und Abgesandte des Glücks, ob sie klein und mittel bis groß sind, haben sich noch bevor die Uhr 12 geschlagen hat, im Wartesaal des Glücks einzufinden.

"Ach, seufzte das mittlere bescheidene Glück," ich bin ein Versager, nichts mag mir gelingen". Was ich auch anstelle, diejenigen Menschen, die ich aufgesucht habe, würdigten mich keines Blickes." Sie wollen immer nur das ganz große Glück. Was kann ich nur tun um ihnen klar zu machen, dass das Glück empfangen und umarmt werden möchte und das es erst gedeiht, wenn man es im Kleinen schätzt." Mittlere Tränen lösten sich aus seinen bescheidenen Augen, welche sich sogleich in funkelnde Steine verwandelten, die den Gang hinunter purzelten.

"Ja", wem sagst du das, entgegnete der Winzling traurig, während sich kleine Tränchen aus seinen unglücklichen Augen lösten, leise runter kullerten, sich sogleich in glitzernde Perlen verwandelten und den Gang hinunter rollten. "Aber eines habe ich erfahren und weiss ich. Am liebsten bin bei den Menschenkindern zu Hause, welche gerade geboren wurden und bei den Kleinen die begonnen haben ihre ersten Schritte zu wagen. Es macht mir jeweils grosse Freude ihnen zum Lachen zu verhelfen. Doch sobald sie auch nur sprechen können langweile ich sie. Meist machen mir die Erwachsenen mit ihren Überfluss an Spielzeug und anderen übertriebenem Krimskrams einen gewaltigen Strich durch die Rechnung . Es gibt zwar noch Eltern, Frauen und Männer, die mir wohlgesinnt sind und mich auf Händen tragen, doch sie scheinen bald auszusterben. Und das macht mich total unglücklich, schluchzte das kleine unglückliche Glück leise vor sich hin.

Oh, ja wie Recht du hast , kleiner unglücklicher Glücksbringer, stöhnte das mittlere Glück mitleidig. Nur frage ich mich gerade warum wir die Einzigen sind, die der Einladung nachgekommen sind. Wo sind denn all die anderen Glücksspender ? Wo sind die vielen kleinen, mittleren und vor allen Dingen die Großglücklichen ?

Mmm, murmelte das betrübte kleine Glück, dass ist in der Tat sehr merkwürdig. Übrigens, in 10 Minuten schlägt die Uhr 12. Schau nur auf die Glückszeigeruhr !!

Mit einem Mal öffnete sich erneut die rote Tür des Glückssaals und eine hohe Gestalt, um die ein sanftes Licht spielte, trat herein. Die beiden rückten eng zusammen und fassten sich ängstlich an den Händen.

"Seid herzlichst gegrüßt, meine lieben Boten des Glücks. Ich, als die Glücksgöttin freue mich, dass ihr so zahlreich erschienen seid."

"A aaber, wir sind nur zu zweit", sprachen die Angesprochenen mehr als erstaunt aus und blickten verschämt drein.

"Nun", sprach die engelsgleiche, leuchtende Erscheinung, mit angenehmer, zarter Stimme." Eure Tränen habt ihr vergessen. Seht einmal den Gang hinunter, sie haben sich in das goldene Füllhorn, welches ich im Boden eingelassen habe versammelt". Euer beider Tränengut hat sich vereint, sind zu wertvollen Edelsteinen der Großherzigkeit zusammengewachsen und nun wahre Schätze des Himmels, welche ich pünktlich um 12 Uhr auf die Erde niederlasse. Wenn es Euch nicht gäbe, dann gäbe es mich nicht - das große Glück

Nun geht eurer Wege und tut das was ihr immer getan habt. Ihr habt alles richtig gemacht und könnt Euch glücklich schätzen.

Seither haben sich das kleine und das mittlere Glück - zum großem Glück - zusammengeschweisst...

Sie zeigen sich als bescheidene Glückstränen in zufriedenen Menschengesichtern...

© Rosanna Maisch

Kommentare:

HANS-PETER ZÜRCHER hat gesagt…

Glück ist etwas, das man fühlen kann..

...liebe Rosanna.

Deine kleine Geschichte ist wahrlich ein Glücksschatz. In subtiler Erzählweise brinst Du es auf den Punkt. "Wenn es Euch nicht gäbe, dann gäbe es mich nicht - das große Glück".

Mögen sich all die gefühllosen, selbstherrlichen Menschen auf dieser Welt, und das sind gar viele, sich an das grosse Glück erinnern, dass sie hier auf dieser Welt leben dürfen. Geben und annehmen, schenken und beschenkt werden, an Stelle von NEHMEN...

Ich bin sehr beeindruckt von dieser Geschichte! Sehr sehr schön und beeindruckend geschrieben, ein Kleinod...

Und Dein Foto dazu, wunderschön liebe Rosanna...

Herzlichst und alles Liebe

Dein Lyrikfreund Hans-Peter

C. K. hat gesagt…

Wie wahr. Bescheidenheit ist keine Tugend mehr. Und alle wollen nur das ganz große Glück. Wird es uns nicht permanent so suggeriert? Schneller, höher, weiter!? So soll doch das Leben funktionieren. Derweil ist die Welt doch so schön (das kleine Glück) und es gibt so viel zu entdecken, an dem man sich erfreuen kann (das mittlere Glück). Wenn man es denn dann noch genießen kann, wird es zum großen Glück. Danke für diese Geschichte.
LG, Christiane